Artenvielfalt im Oetternbachland

Artenvielfalt – Noch ist sie am Oetternbach vorhanden

Ein kleiner, schmaler Bach, Feuchtwiesen, Wald, mehr nicht, nichts weltbewegendes, das könnte man meinen. Beschäftig man sich eingehender mit der Region überrascht die Artenvielfalt, die auch in den angrenzenden Felder und Weiden zu entdecken ist. Fruchtbarer Lehmlösboden für die Landwirte unverzichtbar und für die Vögel, besonders für Bodenbrüter ein Paradies. Hunderte Starre und Feldlerchen sind hier zu Hause.

Oetternbach Stare, Juli 2019 – Foto: Frank Möller

Sechs Kiebitz-Pärchen konnten wir 2022 auf den Ackerflächen beim Balztanz beobachten. Ein Schauspiel mit akrobatischen Sturzflügen, welches immer wieder fasziniert. Die Regenbogenfarben des Federkleides glitzern in der Sonne. Der Gesang gleicht einen Juchzen vor Freude und Aufregung. Seit Jahrzehnten kommen sie hierher an den Oetternbach, feiern Hochzeit und ziehen ihre Kinder groß.

Kiebitz Küken- Foto: Robin Jähne

Oetternbachland

Vom Mönkeberg bis zum Hardisser Moor – Ein nachhaltiges Aushängeschild für den Kreis Lippe

Der 16,7 km lange Oetternbach entsteht durch eine Quelle am 260 Meter hohen Mönkeberg (gelegen zwischen Röhrentrup, Barkhausen und Klüt).  Er fließt durch am Gut Röhrentrup (ehemalige Bauernburg) in den Oetternteich, weiter nach Dehlentrup, Klüt,  Jerxen, Orbke, Niewald, Heiden und mündet in Lage (Hardissen) in die Bega. Damit bildet er den wichtigsten Zufluss für das 29 Hektar große FFH-Gebiet Hardisser Moor, welches den Städten Lage und Lemgo zugehörig ist. Das Moor gehört in Teilen zu den kalk- und basenreichen Niedermooren, einzigartig für den Kreis Lippe. Es umfasst Erlen-Eschen- und Weichholz-Auenwälder, als prioritärer Lebensraum. Beide Naturstrukturen werden als  erhaltungswürdig eingestuft. Mit der Kennung  Natura 2000-Nr. DE-3918-301 wird das Hardisser Moor als FFH-Gebiet geschützt, welches etwas verloren, alleine liegt. Allerdings wurden entlang des Oettenbachs in den Jahren 2006 bis 2009 drei Naturschutzgebiete ausgewiesen, wohl auch um das Moor besser schützen zu können.

  • Detmold: Kennung LIP-087108,32 ha, seit 2006 NSG .
  • Lage: Kennung LIP-083 103,51 ha, seit 2006 als NSG .
  • Lemgo: Kennung LIP-099. 5 ha, seit 2009 NSG.

Diese sukzessive Ausweitung von geschützten Naturflächen könnte mit dem Projekt „Oetternbachland“ in ein nachhaltiges Aushängeschild für den Kreis Lippe gipfeln.

Feuchtgebiete, vor allem aber Moore erfüllen aufgrund ihre Wasserspeicherkapazität wichtige Funktionen als Temperatur- und Feuchtigkeitsregulatoren und sind zudem unverzichtbare Kohlenstoffspeicher. Nasse Moore sind hochspezialisierte Lebensräume, für an diese Umgebung angepasste und deshalb seltene und gefährdete Tier- und Pflanzenarten. 

Sumpfschrecke – Foto: ah

Hier eine Sumpfschrecke fotografiert am Oetternbach, in der Nähe des Ludolfsweg. Sumpfschrecken sind auch im Hardisser Moor beheimatet. Die unten eingestellte Tonaufzeichnung wurde in der Region Ludolfsweg aufgenommen, im Rahmen der Langzeitstudie in Kooperation mit der Universität Freiburg, die im Winter 2000 mit einem Probelauf begonnen hat. Die Studienleitung inne hat Dr. Sandra Müller, Univ. Freiburg, Fakultät für Biologie- Geobotanik, Institut für Biologie II. Derzeit ist Felix Nonnenbroich, Student Nachhaltige Landwirtschaft, Praktikant an der Univ. Freiburg im Fachbereich Geobotanik verantwortlich für die Auswertung der Tier- bzw. Tonaufnahmen.

Tonaufnahme der Sumpfschrecke, Oetternbach Region Ludolfsweg, Univ. Freiburg, 2021

Ein intaktes Moor, drei vorausschauend ausgewiesene Naturschutzgebiete, fruchtbare und feuchte Böden sowie eine große Artenvielfalt sind Ressourcen, die quasi dazu drängen, die Region am Oetternbach weiterzuentwickeln und als ein großes FFH-Gebiete auszuweisen. So können sich die seltenen Arten (Pflanzen, Tiere, Insekten), die eine Moor- und Feuchtgebietsumgebung zwingend zum Leben benötigen, entlang eines feuchten, grünen Bandes geschützt entwickeln, frei bewegen, vermehren und entfalten. Gemeinsam mit den drei Naturschutzgebieten könnte eine Gesamt-FFH-Gebietsfläche von 246,57 ha entstehen.

Das Umland beinhaltet wichtige Strukturen zur Wasserversorgung der Böden und für den Oetternbach. In Jerxen fließt die 4,5 Kilometer lange Sylbeke (entspringt in Hackedahl), in den Oetternbach. Sie hat damit ebenfalls einen Anteil am Zufluss für das Hardisser Moor. Ihre Wasserqualität ist schützenswert, wie die des Oetternbachs. In den Feldfluren entlang der Lageschen Straße (Jerxen, Orbke, Niewald, Heiden) befinden sich eine Reihe von Kleinstgewässern, darunter auch namenlose Gewässer. Dieses Kleinstgewässersystem leitet Wasser in Gräben und Rinnen in den Oetternbach und speist ihn. Würden das Kleinstgewässersystem nicht mehr funktionieren (z.B. durch Versiegelung) sinkt der Wasserstand im Oetternbach und damit im Hardisser Moor. Die Moorlandschaft, die Auen und Feuchtgebiete wären gefährdet.

In der Nähe des Oetternbaches befindet sich der Rotenberg, mit einem Waldgebiet. Ausläufer vom Oetternbach schlängeln sich in die Rotenberg-Region hinein, bilden kleine Tümpel und Feuchtgebiete. Massenhaft, weiße Teppiche von Buschwindröschen sind neben den immer seltener werdenden Sumpfdotterblumen hier zu finden.

Buschwindröschen – Foto: ah

Sumpfdotterblumen in einem Wildnisbereich -Foto: ah

Rotenberg, mit Ausläufern des Oetternbachs in die Region

Die gesamte Region verfügt über eine reiche zum Teil einzigartige Artenvielfalt, auch deshalb weil sie größtenteils in Ruhe gelassen wird und ihr die Entwicklung von Wildnis in einigen kleinen Bereichen gestattet wurde. Allerdings dürfen in den NSG-Bereichen Baumfällungen erfolgen und auch ihre Entnahme.

Abholzung im NSG Oetternbach, Niewaldstraße, Februar 2020 – Foto: ah

Nicht so wertige Bäume werden jedoch oftmals liegengelassen, zur Entwicklung von Totholz. Totholz bietet Insekten einen unersetzlichen Lebensraum, ebenso Höhlenbrütern oder Fledermäusen.

Niewaldstraße, Totholzentwicklung im NSG Oetternbach – Foto: ah

Niewaldstraße Holzstapel liegen gelassen – Foto: ah

Niewaldstraße, Holzstapel, Baumpilze, Nischen und Höhlen bieten Lebensräume für Insekten und Kleintiere -Foto: ah

NSG Oettrnbach Niewaldstraße, gefällte Bäume liegen gelassen, Schneeglöckchen – Foto: ah

Entlang des Oetternbachs sind einige Naturflächen bereits geschützt, als FFH-Gebiet oder Naturschutzgebiete. Aufgrund des Artensterbens und des Klimawandels wäre es wünschenswert die FFH-Region auszuweiten und ein durchgängiges, großes FFH-Gebiet zu gestalten. Dabei sollten auch in weiten Teilen die umliegenden, natürlich durchfeuchteten, fruchtbaren Ackerböden und Wiesen einbezogen und erhalten werden. Damit würde eine nachhaltige, einzigartige Verbindung von einem großen FFH-Gebiet mit angrenzenden Kulturlandschaften in Lippe entstehen, die von den Naturgegebenheiten, Artenvielfalt sowie vom Flächenumfang eine Vorbildfunktion für andere Regionen in Deutschland hätte

Die Landwirtschaftlichen Flächen entlang des Oetternbachs werden zur Zeit bereits von einigen Biolandwirten bewirtschaftet. Landwirte, die derzeit noch konventionell arbeiten, können mit hoher Wahrscheinlichkeit überzeugt werden ihre Böden auch biologisch zu bearbeiten oder größere Pufferzonen zu den geschützten Flächen einzuhalten. Kompromisse finden, betroffene Personengruppen zur Beteiligten machen, wäre das I-Tüpfelchen im Rahmen der Projekt-Realisierung „Oetternbachland“, verbunden mit einem Benefit für die Region und als Aushängeschild für den Kreis Lippe.

NSG Oetternbach mit Feldern, Weiden und Wiesen, Blick von Lagescher Straße – Foto: ah

Beständig arbeiten die Bürgerinnen und Bürger an dem Erhalt und der Erweiterung der Naturschutzflächen rund um den Oetternbach. Das NSG gilt als wichtige Frischluftschneise für die Detmolder Innenstadt und als Ruhe- und Erholungspol für die Anwohner. Wichtige Gründe warum sich die Bürger*innen den Schutz für diese Landschaft wünschen. Im August 2020 besuchte Sven Giegold, Sprecher der deutschen Grünen im Europaparlament, auf Einladung vom Aktionsbündnis Detmold/Jerxen-Orbke. Robin Wagner und Inga Kretschmar nahmen als „Grüne-Politiker vor Ort“ an der Führung durch die Feldflure zum NSG Oetternbach und an der nachfolgenden Diskussionsrunde mit Bürgerinnen teil.

  

von li: Sven Giegold, Robin Wagner, Inga Kretzschmar am NSG Oetternbach, 2020 – Foto: ah

Presse

Vorschlag für ein EU-Renaturierungsgesetz

23.06.2022 Am Mittwoch, den 22. Juni 2022, hat die Europäische Kommission einen umfassenden Vorschlag für ein EU-Renaturierungsgesetz vorgestellt. Damit gibt es erstmals rechtlich verbindliche Ziele für die Wiederherstellung der Natur.

Die verlorengegangene Natur, aufgrund von  Verbauung, Begradigung, Trockenlegung, Abbau (z.B. Torf) Entwaldung, Zerstörung, ist wiederherzustellen, zu renaturieren. Mindestens 25.000 Kilometer frei fließende Flüsse sollen wiederhergestellt werden, um Hochwasserkatastrophen und Überschwemmung einzudämmen. Neue CO2-speichernder Ökosysteme und Landschaften wie Moore und Wälder sollen entstehen und zum natürlichen Klimaschutz beitragen. Weltweit beträgt die Moorfläche vier Millionen Quadratkilometer. Damit bedecken sie 3 % der Landfläche und speichern 30% des im Boden befindlichen CO2. Viele Moore befinden sich in Russlands, Alaska und Kanada. In Deutschland sind Moore vorwiegend im Nordwesten, Nordosten und im Alpenvorland zu finden.

Vorschläge wie gesunde Ökosysteme als Grundlage für Nahrungsmittelsicherheit, den Schutz der Artenvielfalt, die Verhinderung von Zoonosen und verbindliche Wiederherstellungsziele sowie verpflichtende Wiederherstellungspläne der EU-Mitgliedstaaten wurden in dem Entwurf aufgenommen. Ebenso der Vorschlag für eine Verordnung zur Reduzierung des Einsatzes von Pestiziden um die Hälfte und die Ausweisung von Schutzgebieten.

Jutta Paulus, Grünen/EFA-Schattenberichterstatterin im federführenden Umweltausschuss, begrüßt den Vorschlag der EU-Kommission. In der Pressemeldung steht:

„Angesichts des fortschreitenden Artensterbens ist es höchste Zeit für das lang erwartete EU-Renaturierungsgesetz. Wir begrüßen, dass die Europäische Kommission strengere Vorgaben für bestehende Naturschutzgebiete macht und klare, überprüfbare Vorgaben für Renaturierungsmaßnahmen vorschlägt, die alle Mitgliedstaaten in die Pflicht nehmen.

 Die EU-Kommission hat verstanden, dass Naturschutz und Nahrungsmittelsicherheit kein Widerspruch sind. Gesunde Ökosysteme sorgen für fruchtbare Böden und sichern unsere Lebensmittelversorgung. Das Gesetz legt richtigerweise einen Fokus auf kohlenstoffreiche Ökosysteme wie Feuchtgebiete, Wälder und Dauergrünland, die für den Klimaschutz unverzichtbar sind.

 Leider wurden die Ziele für Moore auf Druck der Agrarindustrie und der irischen EU-Kommissarin in letzter Minute verwässert. Dabei sind diese Lebensräume wichtig für die Biodiversität und helfen bei der Klimaanpassung. Wir Grünen/EFA werden im parlamentarischen Verfahren für großflächige Wiedervernässungen kämpfen, da unsere Klimaziele ansonsten nicht zu erreichen sind.“

 

Torf – Nicht abbauen, nicht benutzen

22.06.2022 Die Bundesregierung will einen nahezu vollständigen Verzicht auf Torf bis zum Jahr 2026 erreichen. Das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung ruft seit einiger Zeit zum Freiwillen Verzicht auf: Erdindustrie, Erwebs-und Hobbygartenbau sollen keinen Torf mehr benutzen. Freiwilligkeit verbunden mit guter Aufklärung ist immer ein guter Ansatz und das gilt für ziemlich jedes Thema, welches mit Veränderung oder Verzicht zusammenhängt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier – Veränderungen sind deshalb meist unbeliebt.

So argumentiert auch in NRW der Landesverband Gartenbau NRW: Ein gänzlicher Verzicht auf Torf ginge nicht. Der Landesverband will deshalb bis 2030  im gärtnerischen Fachhandel den Torfverbrauch um 70% reduzieren und im Erwebsgartenbau um 30%. Alles andere sein unrealistisch, sagte Claudia Wendt als Sprecherin gegenüber der Lippischen Landeszeitung (LZ, Torfverbot im Garten, 22.06.2022, Seite 4). Alternativen seien nicht so verträglich, erzeugen weniger gute Resultate, erfordern mehr Bewässerung und Düngung. Kompost aus organischen Hausabfälle seien zu salzig, Kokosfasern aufgrund des Transportes nicht klimafreundlich. Für ein dagegen sein sind immer viele Argumente zu finden. Das ist auch hier zu merken.

Der Begriff  „Unrealistisch“, muss wohl kritisch hinterfragt werden. Entnehmen wir Torf weiter in dem bisherigem Tempo aus der Natur, wird er eines Tages abgebaut sein. Dann muss es auch ohne Torf gehen. Das ist Fakt. Torf wächst langsam, nur 1-2 Millimeter im Jahr. Aufgrund des regellosen Abbaus wird dieses Naturressource ausgebeutet, möglicherweise völlig vernichtet und damit der Klimawandel befeuert. Kann sich die Menschheit das leisten, die große Sorge vor dem Klimawandel und der Erderwärmung hat?

NABU erklärt in Deutschland liegt die Torf-Nachfrage jährlich bei neun Millionen Kubikmetern. In Deutschland ist der Abbau stark reglementiert, deshalb kommt der meiste Torf aus Osteuropa, Litauen und Lettland, wo unkompliziert abgebaut werden darf. Klasmann-Deilmann ist die führende Unternehmensgruppe der internationalen Substratindustrie in Europa, Asien und Amerika mit Vertriebs- und Produktionspartnern auf allen Kontinenten. Im Jahr 2021 baute das Unternehmen Klasmann-Deilmann 2,9 Millionen Kubikmeter Torf ab. Im Jahr 2018 waren es noch 4,1 Millionen Kubikmeter (eigene Angaben, Grafik auf der Website des Unternehmens).

Torf bildet sich in Mooren durch die Ablagerung nicht vollständig zersetzter Pflanzenbiomasse, u.a. Torfmoosen. Die so entstandenen Moorböden sind sehr kohlenstoffreich. Intakte Moore gelten als Kohlenstoffsenken. Mit ihrem Anteil von knapp drei Prozent an der Landfläche der Erde, binden sie mehr als doppelt so viel Kohlenstoff wie sämtliche Wälder auf der Welt zusammen. Moorböden sind damit die mächtigsten Kohlenstoffspeicher, die es gibt. Sie zu erhalten ist mit Blick auf den Klimawandel dringend geboten.

 

Torffrei ist besser – Informationen und Tipps

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

In Deutschland wurden mehr als 90 Prozent der Moorflächen entwässert (trockengelegt), um Torf zu stechen und Land- und Forstwirtschaft zu ermöglichen. Moorböden machen etwa acht Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche aus. Zuletzt stammten etwa 53 Millionen Tonnen CO2-Emissionen und damit rund 6,7 Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen aus der Zersetzung von Moorböden durch Entwässerungsmaßnahmen und Torfnutzung. Bis zum Jahr 2030 sollen die Treibhausgasemissionen aus Moorböden um jährlich fünf Millionen Tonnen CO2-Äquivalent reduziert werden. Eine der wichtigsten Maßnahmen zur Einsparung von Emissionen ist die Wiedervernässung von trockengelegten Moorböden.

  • Übersicht von torffreie Erden
  • Podcast Prof. Dr. Beßler, Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen, Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau (LVG) Ahlem:
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV)

Das Bundesprogramm „Klimaschutz durch Moorbodenschutz“ ist beim BMUV angesiedelt. Im Jahr 2015 hatte das Bundesumweltministerium bereits den „Deutschen Moorschutzdialog“ ins Leben gerufen, um das Bewusstsein für den Erhalt von Mooren in der Gesellschaft zu fördern. Auf der Website sind zahlreiche Informationen zu finden.

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